Wenn jeder Rappen zählt
 
 

Gästebuch-Einträge

Alge
Liebe ig3plus-Familien
Vielleicht hat jemand von euch einen Tipp für uns:
Wir sind eine 7-köpfige...
Mittwoch, 31. Mai 2017
Familie Keller
Hallo zusammen
Ich bin kürzlich auf die ig3plus seite gestoßen,und habe mich sehr gefreut zu lesen,...
Donnerstag, 02. März 2017
4KidsFamily
Hallo zusammen

Wir sind seit 2 Jahren eine 6köpfige Familie. Bisher hatten wir nur ein Kleinauto,...
Freitag, 03. Februar 2017
 
Wenn jeder Rappen zählt PDF Drucken E-Mail

Entrecôte, Klavierstunden, Kinobesuch – was für die einen selbstverständlich ist, ist für andere kaum
erschwinglich. In der Schweiz leben rund 900 000 Menschen an der sogenannten Armutsgrenze,
Tendenz steigend. Drei Familien erzählen.

Kinder, Bildung oder Wohnort
Zahlen und Infos: Was sind die grössten Risiken für Armut oder Working Poors? »

Eine Viertelmillion Schweizer Kinder ist arm. Doch was heisst eigentlich arm? Laut Regula Heggli (33),
Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik bei der Caritas Schweiz, ist Armut in der Schweiz ein soziales
Phänomen: «Sie bedeutet hierzulande nicht zwingend Hunger oder schlechte Kleidung. Menschen
sind auch arm, wenn sie über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen
sind, die in ihrem Umfeld üblich ist.» Armut kann jeden treffen. Besonders gefährdet sind alleinerziehende
Eltern, Grossfamilien, Menschen mit wenig Bildung, entsprechend schlechtem Lohn, und Jobchancen
sowie Ausländer und Rentner. Auch Krankheit oder der Verlust der Stelle sind Risikofaktoren.
Letzterer wird sich durch die Kürzung der Anspruchstage für Erwerbslose noch verschärfen.

Den meisten Menschen in der Schweiz sieht man nicht an, wenn sie in einer finanziellen Notlage stecken.
Armut ist hier weitgehend unsichtbar. Darüber geredet wird nur hinter vorgehaltener Hand. Diese
Tabuisierung erstaunt umso mehr, als in der reichen Schweiz noch Ende des 19. Jahrhunderts jährlich
Zehntausende auswanderten. Die meisten Schweizer zog es damals in die USA und nach Argentinien.

Arme werden in der Schweiz auch sozial geächtet
Gut ein Jahrhundert später gilt in der Schweiz: Wer fleissig ist und Willen hat, ist nicht arm. Der
Umkehrschluss liegt auf der Hand: Wer arm ist, ist selber schuld. Diese fatale Fehlmeinung führt
dazu, dass finanziell schlechter gestellte Menschen in der Schweiz auch unter gesellschaftlicher
Ausgrenzung leiden. Das wiederum kann laut Regula Heggli dazu führen, dass sich die Situation
unter Umständen sogar noch verschärft: «Wenn Statussymbole wie Handy und Markenturnschuhe
auf Pump gekauft werden — damit niemand einem ansieht, dass das Geld dafür eigentlich fehlt —,
beginnen sich die Schulden schnell anzuhäufen. Wieder aus der Schuldenspirale herauszufinden
ist schwierig und ohne Hilfe kaum möglich.»

Besonders riskant wird es, wenn noch Kreditunternehmen ins Spiel kommen, die eine schnelle
Lösung versprechen. Sie verlangen immense Zinsen und heizen die Spirale weiter an. Regula
Heggli rät daher dringend, sich bei Schulden Hilfe zu holen, sei es beim kostenlosen Schuldentelefon
der Caritas oder bei der Beratungsstelle der Gemeinde: «Diese arbeitet seriöse Pläne zur
Schuldentilgung aus, erstellt ein Budget und verhandelt mit den Gläubigern.» Solche Beratungsstellen
helfen auch dabei, Schulden gar nicht erst entstehen zu lassen. Bei unvorhersehbaren Ausgaben
wie Zahnarzt oder Reparaturen sind auf Anfrage oft auch Zahlungen auf Raten möglich.

Wie kann der zunehmenden Armut in der Schweiz begegnet werden? «Auf politischer Ebene braucht
es Engagement für mehr Bildung, vor allem bessere Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen in
Niedriglohnjobs wären wichtig», sagt Regula Heggli. Auf der gesellschaftlichen Ebene plädiert sie
für mehr Offenheit. Armut darf kein Tabu mehr sein. Nur so finden Menschen, die sich viel weniger
leisten können als der Durchschnitt, aus Isolation und Ausgrenzung, die so belastend sind. Den ersten
mutigen Schritt machen drei Familien, die von ihrem sehr kreativen Umgang mit dem kleinen
Portemonnaie erzählen und darüber, wie sie den Alltag meistern.

Texte Andrea Fischer Schulthess / Bilder Renate Wernli

Familie Schütz aus Baden AG
Mal mit den Kindern ans Meer fahren

Früher hat das Geld immer gut gereicht, doch dann musste Helene Schütz vor der Geburt des dritten
Kindes ihre Stelle im Service aufgeben. Das eine gab das andere. Das Einkommen schrumpfte, und die
Ausgaben blieben hoch. Und so rutschte die junge Familie in die Schuldenfalle. Doch sie hatte Glück
im Unglück: Die Firma, bei der Ivo Schütz als Lagerist arbeitet, nahm sich der Schulden an. Nun zahlen
die Schützes diese bei ihr ab. Anderthalb Jahre wird das voraussichtlich noch dauern. Bis dahin bleiben
der fünfköpfigen Familie von den 5300 Franken Lohn nach allen Abzügen noch 450 Franken für Essen
und die täglichen Ausgaben. Das sind gerade mal 17 Franken pro Tag.

Zwei Mal pro Woche bekommen sie von gemeinnützigen Organisationen (Hope und Tischlein deck dich)
gratis Lebensmittel. Die werden daheim eingefroren und sorgfältig eingeteilt. Den Tisch, an dem sie
essen, hat Helene Schütz auf Ricardo.ch für einen einzigen Franken ersteigert, Markos Schaukelpferd
hat sie auf der Strasse gefunden. Mit viel Glück und Beharrlichkeit haben sie vor zwei Monaten eine
grosse Wohnung für nur 1200 Franken bekommen, die sie selber renovieren. Für Hobbys und Ausflüge
reicht das Geld nicht. So geht die Familie viel spazieren, und abends schauen sie gemeinsam ihre TV-Serien.
Freunde haben sie kaum, aber Helenes Familie hilft, wo sie kann, sei es mit Windeln oder mit abgelegten
Kleidern. Der grösste Wunsch des Paars: einmal mit den Kindern ans Meer zu fliegen.

Familie Neuenschwander aus Obersteckholz bei Langental BE
Als der Mann starb, folgten harte Jahre

Als vor sieben Jahren ihr Mann starb, zwei Wochen vor Geburt des vierten Kindes, stand die hochschwangere
Susanne Neuenschwander von einer Minute auf die andere allein da. Sie musste das gemeinsame Geschäft,
das ihr Mann als Lebensberater aufgebaut hatte, auflösen und das Haus verkaufen. Es folgten schwere Jahre,
teils in winzigen Wohnungen, und oft wusste sie nicht mehr, woher sie das Geld nehmen sollte, um ihre vier
Kinder über Wasser zu halten. Der Witwen- und Waisenfonds der Pro Juventute sowie Freunde und Bekannte
haben ihr in dieser schweren Zeit viel geholfen und tun es heute noch.

Seit gut einem Jahr geht es den Neuenschwanders wieder zunehmend besser. Sie konnten mit einer Freundin
gemeinsam ein günstiges Haus mieten und zahlen 1800 Franken Miete. Nun ist Susanne Neuenschwander dabei,
ein eigenes Geschäft aufzubauen als Lebensberaterin und Maltherapeutin. Ihr grösster Wunsch: möglichst bald
wieder finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Mit 6300 Franken pro Monat für ihre fünfköpfige Familie, muss
sie zwar nicht mehr jeden Rappen umkehren, aber für Extras wie Ferien oder unerwartete Ausgaben reicht
es noch immer kaum. Dennoch kämpft die engagierte Mutter dafür, dass ihre Kinder möglichst umsorgt
aufwachsen und beispielsweise alle ein Instrument spielen. Ihr Erfolgsrezept: mit den Leuten reden, offen
sein und sich umsehen. Das Auto konnte sie beispielsweise ganz günstig von Freunden kaufen, die eine
Garage haben, beim Zahnarzt oder in der Musikschule darf sie die Rechnungen in kleinen Raten abzahlen.
Nach sieben harten Jahren ist Susanne Neuenschwander wieder zuversichtlich, dass es im Leben immer
einen Weg gibt.

Familie Bregenzer aus Rapperswil SG
Geschenke für Weihnachten werden im Januar gekauft

Eigentlich hatten sie nie vorgehabt, eine so grosse Familie zu werden, aber irgendwie hat es sich einfach
ergeben aus Freude an den Kindern — und nun ist das neunte unterwegs. Im Prinzip verdient Daniel Bregenzer
als Versicherungsangestellter mit fast 10 000 Franken (ohne 13. Monatslohn) inklusive Kindergeld sehr gut,
doch gerechnet auf den 10-köpfigen Haushalt mit 2800 Franken Mietkosten muss sehr sorgfältig gerechnet
werden.

Manuela Bregenzer ist zu einer Meisterin der Planung geworden
Allein schon der monatliche Einkauf in Deutschland ist eine Grossübung: Ein Auto voller Waren muss eingeräumt
oder eingefroren werden. Im Keller reihen sich Büchsen, Saucenbeutel, Nudelpackungen und andere Aktionen
auf den Gestellen aneinander, und im Nebenraum steht der geheime Schrank: Hier bewahrt Manuela Bregenzer
die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für die Kinder auf, die sie im Januar kauft. Denn dann sind Barbies
und Legos jeweils zu Aktionspreisen zu haben. Im Dachboden liegen Kisten voller abgelegter Kleider bereit, bis
das nächste Kind sie braucht. Überhaupt ist Manuela Bregenzer längst zu einer Meisterin der Planung geworden:
Seien es die Raten für das Auto, Zahnarztrechnungen, Schuhkäufe oder die täglichen Mahlzeiten, alles muss
sorgfältig eingeteilt sein. Und weil Ausgehen bei dieser Familiengrösse schon längst nicht mehr drinliegt, gibts
statt Kino eben DVD-Abende. Mit all diesen Einschränkungen können die kleinen und grossen Bregenzers gut
leben. Was sie jedoch plagt, ist das enge Haus — sechs Zimmer für zehn Personen sind einfach zu wenig —
und das Wissen, dass sie mit ihrem Budget nur schwerlich etwas Grösseres finden werden.

Wie und wo gespart werden kann
In der Schweiz gibt es viele Möglichkeiten, Unterstützung zu erhalten, sei das in Form einer Beratung, als konkrete
finanzielle Hilfe oder durch das «Gewusst wie». Das Migros-Magazin hat eine kleine Auswahl zusammengetragen.

Essen
Auf Fertigprodukte verzichten und möglichst saisonal kochen.
www.tischlein.ch «Tischlein deck dich» hilft Menschen in einer schwierigen finanziellen Situation mit Lebensmitteln.
www.caritas-markt.ch Lebensmittel bis zu 70 Prozent günstiger (Bedarf muss belegt werden).

Transport
Velo: das günstigste Verkehrsmittel Billige Velos gibt es auf Versteigerungen und im Internet.
Auto: Car-Sharing-Modelle wie Mobility entlasten das Budget.
Halbtax: lohnt sich schon bei wenigen Fahrten pro Jahr.
Juniorkarte: Jugendliche bis 16 Jahre fahren in Begleitung eines Elternteils gratis (20 Franken pro Jahr).
Gleis 7: günstiges Abonnement für Jugendliche bis 25 Jahre.
www.tageskarte-gemeinde.ch Auf den Gemeinden können SBB-Tageskarten ab 35 Franken bezogen werden (meist Reservation nötig).

Kleider/Schuhe, Möbel
Im Internet auf www.ricardo.ch und anderen Börsen gibt es viele Schnäppchen.
Regelmässige Besuche im Brockenhaus und auf Flohmärkten.
www.kindex.ch Verzeichnis von Brockenstuben, Börsen und Shops mit Kinderartikeln und mit Links zu Onlinebörsen.

Wohnen
Erkundigen Sie sich bei Ihrer Gemeinde über Wohngenossenschaften und Stiftungen in der Gegend.
Informieren Sie sich auch über Hilfe bei Mietzinskautionen. Achtung: Mietzinskautions-Versicherungen werden nicht immer akzeptiert und sind teilweise auf Dauer teuer.

Versicherung, Krankenkasse und Gesundheit
Fragen Sie bei der Gemeinde nach Krankenkassenprämienverbilligungen.
www.comparis.ch Bietet einen unabhängigen Vergleich von Versicherungsangeboten an.

Die Armut in der Schweiz in Zahlen
In der Schweiz gilt jeder Zehnte als arm. Allerdings gibt es keine allgemeingültige Armutsgrenze. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) definiert jedoch Richtlinien, die breit akzeptiert sind: Die Armutsgrenze liegt demnach bei einem verfügbaren Einkommen pro Jahr von
28 701 Franken für Alleinstehende
45 922 Franken für Alleinerziehende mit zwei Kindern unter 14 Jahren
43 052 für ein Paar ohne Kinder
60 273 für ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren

Haushalte, die knapp darüber liegen, leben an der sogenannten Armutsgrenze. In der Schweiz gehören viele Menschen zu dieser Gruppe, die aber statistisch nicht erfasst ist.

Quelle: Bundesamt für Statistik, 2009

Mehr Infos unter: www.armut-halbieren.ch